10/09/2022
Offener Brief an den Gemeinderat
Schönheide, 04.09.2022
Sehr geehrte Gemeinderäte (innen) *,
* steht nachfolgend für die männliche und weibliche Form des voranstehenden Begriffs
manche von Ihnen kennen mich persönlich, manche eventuell nur namentlich, manche gar nicht. Deshalb möchte ich mich zunächst kurz vorstellen.
Mein Name ist Jörg Reimann, 55 Jahre alt und genau so lange Einwohner von Schönheide. 1996 hat der EHV Schönheide nach der Wende wieder mit ernsthafter Nachwuchsarbeit begonnen. Ich hatte mich ehrenamtlich, wie auch der aktuelle Trainer Holger Lenk, zur Verfügung gestellt und 16 Jahre, also bis 2012 als Jugendobmann die organisatorischen Belange erledigt. Seit 2004 bin ich Jugendobmann des Sächsischen Eishockeyverbandes und verantwortlich für das gesamte Nachwuchseishockey in Sachsen, also drei Landesauswahlteams U13 bis U15, die Sportschüler* auf den Eliteschulen des Sports in Dresden und Chemnitz, sowie den Spielbetrieb in der Ostdeutschen Nachwuchsliga (ODM). Zudem war ich 11 Jahre Teammanager der U16 Nationalmannschaft Frauen (bis 2020) und 17 Jahre Mitglied des Nachwuchsausschusses vom Deutschen Eishockey Bund (bis 2022).
Trotz meiner langjährigen Tätigkeiten im Eishockeysport schreibe ich diese Zeilen nicht als Jugendobmann des Verbandes, sondern als besorgter Einwohner unseres Ortes. Gleichwohl reflektieren die Inhalte auch die Meinung meiner Kollegen beim Sächsischen Eissportverband.
Über die Tradition des Eishockeysports in Schönheide muss ich sicherlich keine Worte mehr verlieren. Es sollte hinlänglich bekannt sein, dass die Sportart knapp neun Jahrzehnte hier beheimatet ist und sogar das DDR-Regime überstanden hat, welches Eishockey als „nicht förderwürdige Sportart“ eingestuft hatte. Nach der Wende wurden unter enormen Kraftaufwand, viel Enthusiasmus und vor allem ehrenamtlicher Arbeit zuerst eine Kunsteisfläche, danach die Halle und das Funktionsgebäude gebaut.
Die erste Männermannschaft war und ist, wie in allen anderen Vereinen auch, das Aushängeschild des Vereins. Die Spieler erfüllen eine Vorbildwirkung für die Nachwuchsspieler und die Leistungen
des Teams werden deutschlandweit wahrgenommen.
Doch unser kleiner Verein hat in den letzten zwei Jahrzehnten nicht minder durch die Leistungen des Nachwuchses auf sich aufmerksam gemacht. Mehrfach wurden Sportler* aus Schönheide mit ihren Teams in unterschiedlichen Altersklassen Ostdeutscher Meister, wobei man sich gegen die Konkurrenz aus den großen sächsischen Vereinen und aus Berlin (u.a. Eisbären Berlin) durchsetzen konnte. Knapp 30 Sportler* aus Schönheide schafften es im Laufe der Zeit in den Kader der Sächsischen Landesauswahlmannschaften in den Altersklassen U13 bis U15 und haben unseren Freistaat bei nationalen und internationalen Turnieren repräsentiert.
Dana Reimann und Luca Gläser ist es gelungen sogar noch eine Stufe höher zu klettern. Als Nationalspieler nahmen sie an mehreren Nachwuchs-Weltmeisterschaften teil und konnten mit ihren Vereinsteams Deutsche Meistertitel erringen. Dana mit dem OSC Berlin (1x Deutscher Meister, 2x Deutscher Pokalsieger) und Luca mit den Jungadler Mannheim (Deutscher Meister in der Deutschen Nachwuchsliga). Auch Alina Fiedler hat eine Weltmeisterschaft für Deutschland gespielt und Anastasia Gruß kam erst kürzlich von der WM aus den USA zurück. Zudem war Lukas Lenk zumindest im erweiterten Kader der Nationalmannschaft.
Alle Schönheider Sportler* mit leistungssportlicher Ausrichtung haben ab einem gewissen Alter beim Kooperationspartner ETC Crimmitschau in den höchstmöglichen deutschen Nachwuchsligen gespielt.
Damit ist der Eishockeystandort Schönheide, vergleicht man prozentual die Anzahl der Nachwuchsspieler mit den großen sächsischen Vereinen, durchaus sehr erfolgreich.
Doch die leistungssportliche Schiene ist nur eine Seite der Medaille.
Natürlich kann nicht jeder Sportler* Nationalspieler* oder Landesauswahlspieler* werden und ggf. nationale Titel erringen. Der Großteil der Sportler* findet sich im Breitensport wieder. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Kinder und Jugendlichen ihren Sport nicht auch mit Herzblut, Freude und Enthusiasmus ausüben.
Für sie sind das Vereinsleben, das gemeinsame Interesse an der Sportart und die sozialen Kontakte besonders wichtig. Genau diese Kinder sind für mich der Grund, warum ich seit 26 Jahren mein Engagement dem Sport im Allgemeinen verschrieben habe. Einer gesunden und sinnvollen Freizeitbeschäftigung nachzugehen, Grundregeln des alltäglichen Lebens, wie Respekt, Kameradschaft, Pünktlichkeit, Vertrauen und Einsatzbereitschaft vermittelt zu bekommen und soziale Kontakte zu pflegen, sollte jedem Kind ermöglicht werden. Wahrscheinlich ist dies heute noch wichtiger als vor 30 Jahren, da die ständig wachsende Kluft in den sozialen Schichten immer größere Probleme mit sich bringen. Oft ist der Verein das letzte Auffangbecken bzw. der letzte Strohhalm an den sich die Kinder klammern können. Um es etwas plastisch und verständlicher für Sie, liebe Gemeinderäte*, darzustellen… Was Sie mit Ihren vier Wänden als „Zuhause“ bezeichnen, ist für diese Kinder und Jugendlichen das Eisstadion. Soviel aus meiner Sicht zum Vereinssport. Sicherlich war ein Teil schon bekannt, aber ich wollte sicherstellen, dass Sie bei Ihrer Entscheidung über noch mehr Hintergrundwissen verfügen.
Erwähnt werden sollten des Weiteren der Schulsport der Grundschule Stützengrün und die Kindergartenprojekte, die vom Verein angeboten werden, sowie der Freilauf. Um Ihre Zeit jedoch nicht übergebührlich zu strapazieren, verzichte ich hier auf ausführliche Argumentationen, da ich davon ausgehe, dass Sie die offensichtlich positiven Effekte bereits kennen.
Eines möchte ich Sie noch gerne wissen lassen…
Ich war mit der U15 Landesauswahl Sachsen vom 25.-28.August in Dresden zu einer Sichtung für die neue U16 Nationalmannschaft.
Mich haben wirklich alle Vertreter der anderen teilnehmenden Verbände (Bayern, Nordrhein- Westfalen, Baden-Württemberg) gefragt, was in Schönheide los ist!? Die öffentliche Wahrnehmung ist größer als Sie sich vorstellen können. Natürlich habe ich die Hoffnung auf eine befriedigende Lösung geäußert, welche jedoch nicht in meinen Händen liegt.
Was passiert, wenn hoffentlich im September aufgeeist wird?
Nach zwei Jahren mit den Corona-Zwangspausen besteht endlich wieder die Hoffnung, eine „normale“ Eishockeysaison zu spielen.
Alle Sportler* aus Schönheide, die dem Puck nachjagen, können sich sportlich weiterentwickeln, ihre sozialen Kontakte pflegen und einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung nachgehen. Die fast 90-jährige Tradition des Eishockeysportes im Ort wird fortgesetzt. Fans, Freunde und Sympathisanten, sowie alle Helfer, Sponsoren und Unterstützer, Sportler* und deren Eltern werden aufatmen und man kann auf eine erfolgreiche Saison hinarbeiten.
Was passiert bei einer negativen Abstimmung?
Ganz ehrlich, das möchte ich mir nicht ausmalen.
Der Standort Schönheide verschwindet von der Eishockeylandkarte.
Das sächsische Eishockey verliert 60 Nachwuchseishockeyspieler*, eine Regionalligamannschaft und Nachwuchsteams im Spielbetrieb der Ostdeutschen Nachwuchsliga. Schönheide verliert sein bekanntestes Aushängeschild.
Die Kinder werden mit dem Eishockey aufhören müssen, da die Eltern mit Sicherheit eventuelle Trainingseinheiten gemeinsam mit Crimmitschau oder Chemnitz zeitlich nicht absichern können. Diese Kinder wandern zu anderen Sportarten ab oder, was wesentlich schlimmer wäre, treiben keinen Sport mehr. Neben den individuellen Fähigkeiten aus sportlicher Sicht, gehen somit auch die Strukturen im Schönheider Eishockey verloren und das Argument „Nach einem Jahr Pause geht es vielleicht weiter“ ist leider ein Irrglaube.
Die Listen lassen sich mit Sicherheit beliebig fortführen, denn Argumente für PRO Aufeisen gibt es reichlich.
Nun liegt es am Gemeinderat eine Entscheidung zu treffen.
Lassen Sie sich bitte nicht von der eigenen Affinität oder eventueller Antipathie gegenüber Eishockey beeinflussen. Wägen Sie genau ab, denn Sie haben in den letzten Tagen nicht nur Argumente von meiner Seite gehört.
Einige Eishallenbetreiber haben sich vernünftiger Weise dazu entschieden, die Aufeisung etwas zu verschieben. Aktuell ist mir jedoch deutschlandweit kein anderer Standort bekannt, wo das Thema so vehement diskutiert wird wie in Schönheide.
Falls die Positionspapiere von unserem Spitzenfachverband Deutscher Eishockey Bund (DEB) und vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) Ihnen nicht vorliegen, könnte ich diese
zeitnah noch nachreichen.
Mein persönliches Schlussstatement:
Wir haben in Deutschland Geld für alle und alles – für Migration, für Ukraine, für Waffen, für Beraterhonorare der Bundesregierung, arbeitsunwillige deutsche Staatsbürger, im ganz hohen Maß für die EU… usw.! Wenn wir kein Geld mehr für unsere eigenen Kinder in die Hand nehmen, dann „Gute Nacht Deutschland“!
Mit sportlichen Grüßen
gez. Jörg Reimann