15/03/2026
„Wir diskutieren über Mietbremsen – aber bauen zu wenig Wohnungen“
Hamburger Immobilienmakler Ralf Cabel über steigende Preise, politische Symbolpolitik, die Verantwortung von Arbeitgebern und warum solides Maklerhandwerk wichtiger ist als Branchenmode
Hamburg. Mehr Verkäufe, stabile Preise – der Hamburger Immobilienmarkt kommt nach der Zinswende wieder in Bewegung. Doch die grundlegenden Probleme bleiben: Wohnraum ist knapp, bezahlbare Wohnungen werden immer seltener, und politische Maßnahmen greifen aus Sicht vieler Marktteilnehmer zu kurz.
Der Hamburger Immobilienmakler Ralf Cabel, Inhaber von Cabel Immobilien, spricht im Interview über die aktuellen Zahlen des Gutachterausschusses – und übt deutliche Kritik an Wohnungspolitik, Verwaltung, Arbeitgebern und Prestigeprojekten.
„Der Markt hat sich nach der Zinswende neu sortiert“
Frage: Herr Cabel, die aktuellen Zahlen zeigen wieder deutlich mehr Immobilienverkäufe in Hamburg. Kommt der Markt zurück?
Ralf Cabel:
Ja, der Markt hat sich nach dem Zinsschock ab 2021 inzwischen neu sortiert. Viele Käufer haben sich schlicht daran gewöhnt, dass Geld wieder einen Preis hat. Historisch betrachtet sind die Zinsen ja immer noch moderat.
2025 wechselten in Hamburg rund 4.800 Bestandswohnungen den Besitzer, etwa 14 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Damit bewegen wir uns wieder ungefähr auf dem Transaktionsniveau vor der Zinswende.
„Hamburg bleibt eine klassische Wohnungsstadt“
Frage: Welche Objekte sind derzeit besonders gefragt?
Ralf Cabel:
Ganz klar zwei- bis drei-Zimmer-Wohnungen. Hamburg ist seit Jahren eine klassische Single- und Paarstadt.
Der durchschnittliche Kaufpreis für eine Bestandswohnung lag 2025 bei rund 460.000 Euro, der mittlere Quadratmeterpreis bei etwa 6.345 Euro. Insgesamt wurden für diese Wohnungen rund 2,2 Milliarden Euro investiert.
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„Die Politik diskutiert über Mietbremsen – aber das eigentliche Problem ist, dass wir viel zu wenig Wohnungen bauen.“
„Zwischen HafenCity und Billstedt liegen Welten“
Frage: Wie stark unterscheiden sich die Preise innerhalb Hamburgs?
Ralf Cabel:
Extrem stark. In der HafenCity liegen die durchschnittlichen Quadratmeterpreise inzwischen bei rund 13.700 Euro, gefolgt von Harvestehude mit etwa 11.000 Euro und Rotherbaum mit rund 10.700 Euro pro Quadratmeter.
Eine 80-Quadratmeter-Wohnung kostet dort schnell über eine Million Euro.
Ganz anders sieht es in Stadtteilen wie Eißendorf, Billstedt, Wilstorf, Neuengamme oder Rönneburg aus. Dort liegen die Preise teilweise unter 3.400 Euro pro Quadratmeter.
Das zeigt sehr deutlich: Es gibt nicht den einen Hamburger Immobilienmarkt – sondern viele unterschiedliche Teilmärkte.
„Die Politik bekämpft Symptome statt Ursachen“
Frage: Wohnraum ist eines der zentralen politischen Themen. Fühlen Sie sich von der Politik ernst genommen?
Ralf Cabel:
Ehrlich gesagt: nur sehr begrenzt.
Was wir seit Jahren erleben, ist eine Wohnungspolitik, die häufig auf Symbolpolitik zur Mandatserhaltung setzt. Maßnahmen wie Mietpreisbremse, Mietendeckel oder das sogenannte Bestellerprinzip erzeugen politisch schöne Schlagzeilen – lösen aber kein einziges strukturelles Problem.
Sie schaffen nicht einen einzigen Quadratmeter zusätzlichen Wohnraum.
Der schwedische Ökonom Assar Lindbeck hat einmal sehr treffend formuliert: „Die Mietpreisbindung scheint die effizienteste derzeit bekannte Methode zu sein, um eine Stadt zu zerstören – abgesehen von Bombenangriffen.“
Das klingt drastisch, aber viele Ökonomen sehen genau diese Effekte: weniger Neubau, schlechtere Instandhaltung und langfristig eine noch größere Wohnungsknappheit.
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„Mit nationalen Mietgesetzen versuchen wir ein globales Urbanisierungsproblem zu lösen.“
„Wir versuchen ein globales Problem mit nationalen Pflastern zu lösen“
Frage: Woran liegt die Wohnraumknappheit Ihrer Meinung nach wirklich?
Ralf Cabel:
Man muss zuerst verstehen, dass das Wachstum der Metropolen kein Hamburger und auch kein deutsches Phänomen ist. Es ist eine weltweite Entwicklung.
Überall wachsen große Städte schneller als Wohnraum entsteht – ob London, Amsterdam, Vancouver oder Hamburg.
Darauf mit nationalen Instrumenten wie Mietpreisbremse oder Mietendeckel zu reagieren, ist ungefähr so sinnvoll, wie eine weltweite Pandemie mit ein paar Kräutern aus dem Balkonkasten kurieren zu wollen.
„Der Staat verdient an der Wohnungsnot prächtig“
Frage: Sie kritisieren auch, dass der Staat finanziell von der Situation profitiert.
Ralf Cabel:
Zumindest profitiert er erheblich davon.
Die Einnahmen aus der Grunderwerbsteuer sind in den letzten Jahren massiv gestiegen. Dazu kommen Umsatzsteuer, Einkommensteuer, Gewerbesteuer und zahlreiche weitere Abgaben rund um Finanzierung und Immobilienverkäufe.
Der Staat verdient also an jeder Transaktion kräftig mit.
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„Das eigentliche Problem ist nicht Luxuswohnraum – das Problem ist fehlender bezahlbarer Wohnraum.“
„Auch Arbeitgeber haben ihre soziale Verantwortung weitgehend aufgegeben“
Frage: Sie kritisieren nicht nur die Politik, sondern auch Arbeitgeber.
Ralf Cabel:
Ja, weil die Diskussion sonst unvollständig bleibt.
Heute hört man ständig Klagen von Unternehmen, dass sie keine Fachkräfte mehr finden, weil sich diese die Wohnungen in Hamburg nicht leisten können.
Aber früher haben Arbeitgeber ihre soziale Verantwortung anders verstanden.
Es gab Werkwohnungen, Lehrlingsheime, Schwesternheime oder ganze Werksiedlungen. Unternehmen haben aktiv Wohnraum für ihre Mitarbeiter geschaffen.
Heute wird dieses Thema weitgehend ignoriert – sowohl von privaten als auch von öffentlichen Arbeitgebern.
Man bekommt aber kein qualifiziertes Fachpersonal, wenn man den Menschen, die man dringend braucht, keine akzeptablen Wohnlösungen anbieten kann.
„Olympia wäre ein teures Prestigeprojekt“
Frage: In Hamburg wird wieder über eine Olympiabewerbung diskutiert.
Ralf Cabel:
Ganz ehrlich: Ich halte diese Diskussion für ziemlich realitätsfern.
Olympische Spiele sind kein Sommermärchen, sondern ein multimilliardenschweres Hochrisikoprojekt.
Hamburg steht aber bereits heute vor großen Herausforderungen – eben beim Wohnungsbau, bei Schulen, Infrastruktur und Verkehr.
Hamburg braucht keine drei Wochen milliardenteure Prestigeinszenierung.
Hamburg braucht bezahlbaren Wohnraum, funktionierende Infrastruktur und solide Haushaltspolitik.
„Ich nehme nur so viele Aufträge an, wie ich auch wirklich verantwortungsvoll bearbeiten kann“
Frage: Worin unterscheidet sich Ihre Arbeit von großen Maklerketten oder Immobilienportalen?
Ralf Cabel:
Ich betreibe bewusst kein Makler-Massengeschäft.
Ich nehme nur so viele Verkaufsaufträge an, wie ich auch wirklich gründlich und zuverlässig bearbeiten kann. Wenn ich sehe, dass ich mit bereits zugesagten Mandaten ausgelastet bin, lehne ich auch Aufträge ab.
Immobilienmakler gibt es in Hamburg schließlich genug. Jeder Eigentümer findet einen Dienstleister, der zu ihm und seinen Vorstellungen passt.
Meine Erfahrung ist aber, dass viele Eigentümer gerade jemanden suchen, der sich Zeit nimmt, zuhört und ihre Situation ernst nimmt. Ein Immobilienverkauf ist für die meisten Menschen keine Routineentscheidung, sondern häufig mit persönlichen, familiären oder auch emotionalen Themen verbunden.
Deshalb ist mir eine menschlich wertschätzende, ruhige und lösungsorientierte Zusammenarbeit auf Augenhöhebesonders wichtig. Dazu gehört auch, offen und ehrlich über den realistischen Marktwert einer Immobilie zu sprechen – selbst dann, wenn dieser einmal von den ursprünglichen Preisvorstellungen abweicht.
Ich arbeite deshalb bewusst mit Kunden zusammen, die diese Art der Zusammenarbeit schätzen. Wer in erster Linie jemanden sucht, der möglichst schnell jeden Wunschpreis bestätigt oder möglichst viele Objekte gleichzeitig vermarktet, wird bei einem anderen Makler vermutlich besser aufgehoben sein. Auch das ist völlig in Ordnung.
Mir ist wichtiger, dass ein Immobilienverkauf fachlich sauber, transparent und für alle Beteiligten fair abgewickelt wird. Am Ende geht es bei diesem Beruf nicht nur um Quadratmeterpreise – sondern immer auch um Menschen und ihre Lebenssituationen.
„Dieses Off-Market-Gerede ist oft reiner Akquisesprech“
Frage: Viele Makler werben heute stark mit sogenannten Off-Market-Verkäufen.
Ralf Cabel:
Natürlich gibt es Situationen, in denen Diskretion sinnvoll ist.
Aber vieles von dem, was heute unter dem Schlagwort Off Market verkauft wird, ist aus meiner Sicht schlicht Akquisesprech. Es suggeriert eine besondere Exklusivität, die häufig gar nicht geboten werden kann.
Entscheidend für einen erfolgreichen Immobilienverkauf sind ganz andere Dinge:
• eine realistische Wertermittlung, die auch einmal deutlich von den Wunschpreisvorstellungen eines Eigentümers abweichen kann
• vollständige und sauber aufbereitete Unterlagen
• und eine seriöse Vermarktungsstrategie
Das ist kein Geheimnis – das ist einfach solides Maklerhandwerk.
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Fazit: Die aktuellen Zahlen des Gutachterausschusses zeigen zwar eine Belebung des Hamburger Immobilienmarktes nach der Zinswende. Doch sie machen auch deutlich, wie groß die Unterschiede innerhalb der Stadt inzwischen geworden sind.
Für Immobilienmakler Ralf Cabel steht deshalb fest: Ohne deutlich mehr Wohnungsbau, ein stärkeres Engagement von Wirtschaft und öffentlichen Arbeitgebern bei der Wohnraumversorgung sowie eine weniger symbolpolitische Wohnungspolitik wird sich die Lage auf dem Hamburger Wohnungsmarkt kaum nachhaltig entspannen.