10/06/2020
Die renaissance AG setzt sich für den Erhalt des Rasspe Industriedenkmals in Solingen ein. Hier unsere Presseveröffentlichung dazu.
Abreißen oder erhalten?
Neuer Investor will das Industriedenkmal Rasspe in Solingen retten.
Das Schicksal des seit 2009 verwaisten Rasspe–Firmengeländes am Solinger Stöcken scheint bereits besiegelt: die Abrissbirnen haben ihr zerstörerisches Werk auf dem 60.000 qm großen Gelände schon begonnen. Aber nun taucht mit der renaissance AG ein Investor auf, der weitaus konstruktivere Pläne hat und das einmalige Potenzial des Prachtstücks der Industriekultur wieder aufleben lassen will. Getreu dem Motto „Aufbauen statt Abreißen.“
Die Geschichte der ehemaligen Produktionsstätte ist in Solingen bekannt: zeitweise arbeiteten über 1000 Mitarbeiter am Stöcken – aber 2009 gingen die Lichter endgültig aus und der Standort wurde nach gut 160 Jahren stillgelegt. Die Insolvenzverwalter konnten das Gelände nicht an den Mann bringen, so dass die alten Fabrikanlagen zwischenzeitlich sogar herrenlos waren. 2015 erwarb die Wirtschaftsförderung das Areal und gemeinsam mit der Verwaltung entwickelte man den Plan, so gut wie alles abzureißen und neue Gewerbeflächen zu schaffen – nur das vordere Verwaltungsgebäude steht unter Denkmalschutz, ein paar Gebäude sollten stehenbleiben. Seit Anfang April haben die Abrissbagger begonnen, die altehrwürdigen Hallen dem Erdboden gleichzumachen.
„Ein nicht wiedergutzumachender Fehler,“ findet Christian Baierl, Geschäftsführer der renaissance AG, „man ist dabei, genau die Fehler zu wiederholen, die man schon einmal in den 70er Jahren gemacht hat, als zugunsten des vermeintlichen Fortschritts massenweise Baudenkmäler und erhaltenswerte Substanz unwiderruflich vernichtet wurde. Heute trauert man den prachtvollen Bauten aus der vorletzten Jahrhundertwende nach und überlegt sich, wie man den Asbest aus den Betonbrutalismus–Sünden der Siebziger wieder entsorgt bekommt, die man an deren Stelle gesetzt hat.“
Die renaissance AG mit Sitz in Krefeld und Wuppertal hat sich bereits weit über die Stadtgrenzen hinweg durch ihre konsequente Umsetzung von Erhalt und Denkmalschutz bei der Sanierung einen guten Namen gemacht. „Wir möchten erhalten, sanieren und restaurieren, nicht abreißen und planieren. Wir sehen auch keinen Sinn darin, ein gewachsenes Carrée aus Backsteinbauten abzureißen und an gleicher Stelle Gebäude mit der gleichen Nutzung neuzubauen. Das ist auch im Sinne der Ressourcen–Schonung nicht mehr zeitgemäß, insbesondere wenn man weiß, dass gerade die Produktion von Zement extreme CO2-Emissionen freisetzt.“ erläutert Christian Baierl.
Die Idee der renaissance AG sieht vor, das komplette Carrée der Bauten im vorderen Bereich zu erhalten und zu restaurieren. Die Gebäude zwischen Verwaltung und Lehrwerkstatt bilden mit den benachbarten Gebäuden ein Innenhof-Ensemble, wie man es aus den Hackeschen Höfen in Berlin zum Beispiel kennt. Eine gewachsene Struktur, die absolut erhaltenswert ist und sich so organisch auch nicht einfach wieder herstellen lässt, wenn man erst einmal Stücke herausgerissen hat. Im Innenhof könne man sich eine große Außengastronomie vorstellen, für die Gebäude ist eine gemischte Nutzung angedacht. Hier sollen Wohnungen mit Loftcharakter entstehen, Büros für Startups und größere Gewerbeflächen. Die renaissance AG hat im benachbarten Wuppertal bereits ein ähnliches Konzept in der Realisierung: dort restauriert die Gesellschaft die ehemalige Produktionsstätte „Kaiser & Dicke“ und setzt dort eine Idee um, die Vorbildcharakter für „P. D. Rasspe Söhne“ in Solingen haben könnte. Kern des Konzepts in der Nachbarstadt ist die Verknüpfung unterschiedlichster Nutzung: edles Wohnen im Loftambiente, Büros für Start-Ups, Ateliers für Künstler, Cafékultur in der Gastronomie und als besonderes Highlight eine Fläche zur freien Nutzung durch die Anwohner des gesamten Viertels. Damit bestrebt man, ein möglichst vitales und urbanes Quartier zum Leben zu erwecken, dass dann eine positive Abstrahlkraft auf den gesamten Stadtteil hat und mittelfristig die Lebensqualität aller erhöht.
Für das Rasspe Gelände in Solingen sehen die Vorstellungen ganz ähnlich aus, ergänzt jedoch durch größerer Gewerbemietflächen, in denen man sich zum Beispiel einen großen Fahrradladen vorstellen kann. Andere Flächen lassen sich auch mit Mietern aus dem Young- und Oldtimer-Geschäft bewirtschaften, auch Motorradläden sind in der direkten Nachbarschaft des Café Hubraums denkbar, die Landstraßen des bergischen Landes sind seit jeher das Revier der Liebhaberfahrzeuge.
Jetzt ist es allerdings als allererstes eminent wichtig, den Abriss des Kernareals zu stoppen, um nicht einzigartig historische Bausubstanz unwiderruflich zu verlieren. Teile der Gebäude sollen übrigens nur deshalb abgerissen werden, damit die LKWs, die den Schutt abtransportieren, freie Fahrt haben – das kann wohl kaum ein Argument sein, dass die Zerstörung solcher industriegeschichtsträchtiger Bauten rechtfertigt.
Christian Baierl: „Überall, wo solche Industriedenkmäler im Strukturwandel erhalten werden, blühen sie auf – sei es die Speicherstadt in Hamburg, die einst auch abgerissen werden sollte, die Zeche Zollverein in Essen, die Hackeschen Höfe in Berlin oder das Böhler Areal in Düsseldorf – für Solingen ist das Rasspe Gelände eine Riesenchance. Wir setzen uns für den Erhalt und die Entwicklung dieses Industriekultur-Juwels ein.“
Übrigens ist der Gebäudebestand so historisch authentisch, dass Teile davon tatsächlich als Kulisse für die Netflix-Serie "Babylon Berlin" dienten. Wir finden: absolut erhaltenswert!