25/02/2015
Zusammenfassung Projektvorschlag „Pausenhof“ // „LEADER“ – Engagement für den ländlichen Raum
1. Was ist LEADER?
LEADER (frz. Liaison entre actions de développement de l'économie rurale, dt. Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft) ist ein Förderprogramm der Europäischen Union, mit dem seit 1991 modellhaft innovative Aktionen im ländlichen Raum gefördert werden. Lokale Aktionsgruppen erarbeiten vor Ort Entwicklungskonzepte. Ziel ist es, die ländlichen Regionen Europas auf dem Weg zu einer eigenständigen Entwicklung zu unterstützen. Aufgrund des erfolgreich verlaufenden Einsatzes als so genannte Gemeinschaftsinitiative in den Förderperioden zwischen 1991 und 2005 ist der LEADER-Ansatz seit 2006 als eigenständiger Schwerpunkt in die Mainstream-Förderung aufgenommen worden.
2. Wer sind WIR?
WIR sind André De Col und Friederike Külpmann und entwickeln und verwalten seit 2010 im Rahmen der BergWerk.GbR die Flächen der ehemaligen Zeche Neuwülfingsburg in Wetter an der Ruhr.
Das Ziel des BergWerks ist die Etablierung eines alternativen, urbanen, lebendigen und interdisziplinären Handwerkshofes, verbunden mit der Integration der Kunst- und Kreativwirtschaft, sowie der Anbindung von Industriekultur in Form der noch erhaltenen Zechengebäude als Industriekultur an den Radweg „Von Ruhr zu Ruhr“.“
Das ca. 36.000 qm große Grundstück liegt im durch Land- und Forstwirtschaft geprägten Wetteraner Stadtteil „Esborn-Albringhausen“ (1.750 EW) , rund 8 km von der Stadtmitte entfernt zwischen Sprockhövel und Witten mit guten Anbindungen an die Autobahnen A43 (Wuppertal - Ruhrgebiet) und A1 (Köln – Dortmund).
Esborn war seit jeher vor allem durch seine Bergbaugeschichte (11 aktive Zechen auf einer Fläche von 9,97 km2) und die Verortung eines über acht Generationen hinweg betriebenen Steinbruchs auch über die Stadtgrenzen hinweg bekannt. Der Steinbruch wurde 2012 aufgegeben und schließt räumlich unmittelbar an die Flächen des BergWerks an. Die Gebäude und Grundstücke der Zeche Neuwülfingsburg dienten dem Steinbruchbetrieb über 30 Jahre lang als Geschäftsfläche.
Nach dem mit der Aufgabe des Steinbruchs verbundenen Ausverkaufs aller beweglichen Gegenstände, wie Steine und Firmeninventar glichen die Flächen und Räume einem Schlachtfeld. Die Aufräumarbeiten nahmen viel Zeit in Anspruch. Zusätzlich hatten innerhalb der letzten 20 Jahre keine Investitionen stattgefunden, sodass der Erhaltungs- und Sanierungsaufwand entsprechend hoch war. Finanzielle Mittel waren praktisch nicht vorhanden. Daher musste ein entwicklerisches Nutzungskonzept diese Schwierigkeiten und Parameter berücksichtigen und Lösungen anbieten.
Wie fast überall im Ruhrgebiet, ist im BergWerk der Strukturwandel, also der Niedergang von (Alt-) Industrien der Grund für die Entstehung von Brach- und Leerstandsflächen. Durch die Vorherrschaft der üblichen Monostruktur, also die Verortung von nur einem Großunternehmen an einem Standort, kann ein gesamtes Grundstück brach liegen. Die Aufgabe des Steinbruchs führte dazu, dass knapp 36.000 qm leer standen. Das Nutzungskonzept des BergWerks konzentriert sich daher vor allem auf das Thema „Diversifikation“: Wir forcieren eine größtmögliche Nutzungsmischung um einer Monostruktur entgegenzuwirken und so das Risiko zu streuen, sodass bei Misserfolg eines Unternehmens nicht gleich das gesamte Gefüge betroffen ist.
Doch wie findet man Mieter, die bereit sind, Räume zu mieten, die eben nicht dem üblichen Standard und einer hohen Qualität entsprechen? Die Lösung war der Prozess der künstlichen Gentrifizierung.
„Als Gentrifizierung bezeichnet man den sozioökonomischen Strukturwandel bestimmter großstädtischer Viertel im Sinne einer Abwanderung ärmerer und eines Zuzugs wohlhabenderer Bevölkerungsgruppen. Parallel kommt es zu einem Anstieg des Wohnpreisniveaus.“ Quelle: Wikipedia
Man kennt diesen Prozess zB aus Berliner Stadtvierteln, die plötzlich, aufgrund ihrer geringen Mieten von Künstlern und Alternativen bevölkert werden. Hierdurch werden diese Viertel besonders „hip“ und „trendy“. Dadurch steigen die Mieten und die ärmeren Bevölkerungsgruppen können sich das Wohnen hier nicht mehr leisten. Daher wird die Gentrifizierung aus Sicht der betroffenen, verdrängten Bevölkerung grundsätzlich als negativ empfunden. Gentrifizierung führt jedoch gleichzeitig auch zur Aufwertung von Vierteln und Flächen. Und da es im BergWerk keine negativ betroffenen Gruppen gab, wurde der Prozess der Gentrifizierung künstlich herbeigeführt:
Die ersten Mieter waren junge Musiker, die auf der Suche nach günstigen Proberäumen waren. Sie verfügten zwar über wenig finanzielle Mittel, hatten aber Improvisationstalent, Pioniergeist und Motivation. Durch geringe Mieten im Vergleich zu zentraleren Lagen in den Innenstädten von Hagen oder Wuppertal, konnten wir sie motivieren, die Proberäume in Eigenleistung nach ihren Wünschen herzurichten. So wurden die Räume aufgewertet und die Musiker haben monatlich nur einen geringen finanziellen Aufwand. Eine „win-win“ Situation für beide Seiten.
Die Bands, die sich „getraut“ haben sind Joormade aus Hagen und Gevelsberg, Pariah Disaster aus Gevelsberg, sowie Daddy´s Best Kid aus Wetter. Wir sind heute noch erstaunt, wie erfoglreich diese „Jungs“ sind – das bestätigen zahlreiche regionale Auftritte und Siege bei Band-Contests.
Außerdem konnten wir Stefan Otto mit seinem Tonstudio unter dem Label „Blue Stuff Records“ als Mieter gewinnen, sodass hier auch Fühlungsvorteile und kleine interne „Märkte“ entstehen: Musiker benötigen Equipment und Aufnahmen, das Tonstudio bietet die Hard- und Software dafür.
Durch die gute Vernetzung der Musiker untereinander und die Nutzung sozialer Netzwerke, wurden immer mehr Interessenten auf das BergWerk aufmerksam. Wir erhielten eine Anfrage von einer Gruppe Graffitikünstlern aus Wetter und Hagen, die einen Ort suchten, um ihr Atelier zu eröffnen. Die Gruppe um Jens und Tom Hewelt, sowie Meinert Jensen, Raphael Döls, sowie Siegfried Müller nennt sich „Werkstattgeflüster“, fertigt großflächige Auftragsarbeiten für Unternehmen und Kommunen an und bespielt seit Anfang 2014 eine Innen- und Außenfläche im BergWerk.
Brigitte Külpmann hat sich mit ihrem Label "BergWerk - Anno Dazumal" besonders auf das Aufarbeiten von antiken Möbeln, Gebrauchsgegenständen und Papeterie konzentriert. Im ehemaligen Trafohäuschen der Zeche Neuwülfingsburg schleift und werkelt und bastelt sie jeden Tag an alten Dingen, denen sie im Stil des „shabby chics“ endlich wieder neues Leben einhaucht.
Neben den kreativen Künstlern werden einige der Räume seit jeher von privaten „Schraubern“ genutzt: So verwirklicht sich der berufstätige Familienvater nebenan in schweißtreibender Eigenleistung den Lebenstraum eines Porsches, während ein paar Meter weiter eine Gruppe Handwerker einen ehemaligen Pommeswagen in ein exklusives Wohnmobil für das 24-h-Rennen am Nürburgring umbaut.
Natürlich braucht jedes Nutzungskonzept auch einen Katalysator – einen Ankermieter, der die Flächen mit Leben füllt und sozusagen Pionier und Vorreiter für andere Interessenten aus dem Bereich Gewerbe und Handwerk ist. Hier konnten die durch den ehemaligen Steinbruchbetrieb bestehenden guten Kontakte zum Naturstein Zentrum Ruhr (NZR) in Bochum genutzt werden, um einen Teil der Außenfläche, sowie Büroräume als Lager und Außenstelle zu vermieten. So konnten alte Strukturen und Standortvorteile wiederbelebt und die ehemaligen Steinbruch-Kunden weiterhin gut mit Naturstein versorgt werden, genau wie jeder neue Interessent und Gewerbetreibende.
Hatte sich der „Pionier“ erst einmal gewagt, war damit zu rechnen, dass andere nachziehen: Boxen und Außenflächen werden seitdem von Garten- und Landschaftsunternehmen zur Lagerung von Maschinen und Material genutzt, während das Unternehmen von Sandra und Simon Charlet Seilklettertechnik, fachgerechte Baumpflege und professionelle Baumfällung anbietet.
Ein „Urgestein“ des BergWerks ist nicht zuletzt die Werkstatt für Autopflege und -aufbereitung von Meinert Jensen. Hier wird bereits seit 25 Jahren fachgerechte Arbeit an allen neuen Autos und natürlich Oldtimern angeboten.
Auf dem Grundstück des BergWerks am Zechenweg läuft das „upcycling“, also das Aufwerten der Flächen nun in vollem Gange. Was bleibt, sind jedoch die sogenannten "industriellen Hinterlassenschaften", also die zum Betrieb der Zeche und des ehemaligen Steinbruchs notwendigen Maschinen, Güter, Hilfsmittel, Stoffe und auch Teile der Einrichtung, für die sich beim Ausverkauf keine Interessenten gefunden haben.
Die logische Konsequenz aus diesem Gedanken war: Wenn man also ein Grundstück aufwerten, bzw upcyclen kann - warum dann nicht auch alles, was sich darauf an Hinterlassenschaften befindet?! Nun werden diese übrig gebliebenen Dinge zusammengetragen und alternative Nutzungsmöglichkeiten entwickelt, indem die Gegenstände in ihrem Kontext verändert oder handwerklich umgearbeitet werden. So werden aus alten Autoreifen bunte Sitz- und Loungemöbel, während der alte Steinbruchspind seine neue Funktion als modernes Sideboard im Wohnzimmer findet. Hierzu wurde eine Werkstatt als „Co-Working-Space“ hergerichtet: Nun schrauben und basteln und werkeln insgesamt 9 ganz unterschiedliche Menschen an Fahrrädern, Autos, Mopeds und Möbeln.
Die große Nutzungsmischung führt bei allen Mietern zu einem starken, persönlich geprägten Netzwerk: Es wird Werkzeug getauscht und bei gemeinsamen Grillabenden über die vielfältigen Projekte gefachsimpelt. Jeder hilft jedem – jeder profitiert von jedem.
Zusätzlich zu einer größtmöglichen Diversifikation ist die Identifikation mit dem Ort für den Erfolg der Entwicklung von Brach- und Leerstandsflächen besonders wichtig.
Das Gelände des BergWerks ist seit jeher geprägt durch ruhrgebietstypische, industrielle Nutzung: Die Zeche Neuwülfingsburg, auch unter dem Namen Zeche Albringhausen bekannt, wurde an dieser Stelle bereits im 19. Jahrhundert betrieben und diente dem damaligen Versorger AGFU zur Stromerzeugung eines Kraftwerks. Dieses Bergwerk war die letzte Zeche auf dem Gebiet der Stadt Wetter, förderte von 1940 bis 1967 insgesamt über 1,5 Mio. Tonnen Steinkohle und hatte zu Spitzenzeiten knapp 215 Beschäftigte. Die Förderung wurde 1967 eingestellt, womit der Bergbau auch in dieser Region zum Erliegen kam. Quelle: Joachim Huske, Die Steinkohlenzechen im Ruhrrevier. Daten und Fakten von den Anfängen bis 2005.
Wir haben uns immer darum bemüht, die durch das historische Erbe der Zeche definierten Gebäudestrukturen und - bestände zu erhalten und sichtbar zu machen, sowie Außenstehenden die regionale Industriekultur näherzubringen. Heute kann man daher im BergWerk noch die ehemalige Waschkaue mit dem Schriftzug „Zeche Neuwülfingsburg“ besichtigen. Im Rahmen der RUHR 2010 haben wir außerdem gemeinsam mit dem Förderverein bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier e.V. Arbeitskreis Wetter/Herdecke aktiv am Projekt „SchachtZeichen“ mitgewirkt.
3. Was ist der Hintergrund des Pausenhofs?
Der zweite Bauabschnitt des Radwegs „Von Ruhr zu Ruhr“ ist für uns und das BergWerk ein echter Glücksfall: Die Planung des Streckenverlaufs von Witten nach Gevelsberg sieht eine Pausenstelle – den PAUSENHOF - an der ehemaligen Zeche Neuwülfingsburg auf dem BergWerk vor. So kann den Radlern zunächst die Industriekultur in Form einer vom Förderverein bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier e.V. Arbeitskreis Wetter/Herdecke kuratierten Ausstellung erläutert werden. Danach können sie sich bei einem Rundgang über das Gelände die verschiedenen Projekte anschauen und natürlich auch in offenen Werkstätten aktiv mitmachen. Außerdem suchen für die an der Bahntrasse gelegenen Außenflächen noch aktive oder auch Hobby-Gärtner, die es sich zutrauen, den Begriff des (sub)urban-gardenings an dieser Stelle zu etablieren. Es kann eigenes Gemüse gezüchtet oder ein bunter Blumengarten angelegt werden.
Der Pausenhof kann und soll durch die neue touristische Anbindung des Radwegs als Plattform und Katalysator für den übrigen Ortsteil Esborn dienen:
Der Pausenhof ist konsequentes, aktives Bindeglied zwischen dem neuen Radweg und dem Dorf Wetter-Esborn und fungiert als bunter, treibender Katalysator zur Vernetzung der Radreisenden mit dem besonderen ländlichen Lebensraum, seinen (in einem Bürgerverein) engagierten Einwohnern und den vielfältigen lokalen Akteuren und Unternehmen( = Leuchttürme).
Orientierend am Leitbild des Mirker Bahnhofs in Wuppertal und den schon bestehenden vielfältigen Angeboten im BergWerk, stellen wir uns in der Zukunft auch Kunst- und Designmärkte, genauso wie Konzerte und Grafitti-Contests für die Jugendlichen aus der Region vor.
Um diese Plattform für ehrenamtliche Bürger und Veranstaltungen zu bieten, werden jedoch weitere Flächen und Räume benötigt.
Wie bereits oben erwähnt, sind wir mit der Entwicklung des BergWerks zufrieden. Neben dem für uns natürlich sehr positivem Aspekt der erfolgreichen Vermarktung und der damit einhergehenden Vollvermietung besteht für uns jedoch weiterhin die Herausforderung der Sanierung der bestehenden Gebäude. Wie dem Text vielleicht bisher nicht zu entnehmen ist, ist die Entwicklung der Fläche nicht so wirtschaftlich, dass eine Sanierung von bedürftigen Gebäuden mit dem Ertrag möglich wäre.
Vor allem das ehemalige Maschinenhaus, sowie das Holzlager und die Säge sind in ihrer Struktur extrem sanierungsbedürftig. Diese Gebäude eignen sich, wie dem Lageplan zu entnehmen ist, jedoch besonders gut für die Aktivierung von Gemeinschaftsräumen.
Mit unserem Projektvorschlag „Pausenhof“ und den damit eventuell zu generierenden Fördermitteln möchten wir diese industriekulturellen Gebäude wieder instand setzen und evtl. im Rahmen eines Fördervereins einer gemeinschaftlichen Nutzung zuführen.
Wir hoffen, das BergWerk in den nächsten Jahren zu einem besonderen, lebendigen und urbanen Ort für viele Menschen in Wetter und im Ruhrgebiet gestalten zu können. Natürlich bedeutet ein solches Vorhaben viel Arbeit, aber das Gelände ist jetzt nicht mehr nur unser Zuhause – alles funktioniert nur in der Gemeinschaft und wir denken, dass wir mit ein bisschen Unterstützung, ganz viel bewegen können.
Friederike Külpmann, 12. Feb. 2015